Wundversorgung INS

6/10/20 - Wahl es richtigen Desinfektionsmittels INS verlinkt

Inhaltsverzeichnis

Autor: Dr. M. Bieri (INS)

Review: Dr. A. Donas, Dr. L. Simma, Dr. S. Krieg, Dr. X. Mandanis (INS)
Version: 04/2020

Vorgehen

  • Primärer Wundverschluss ist notwendig, wenn die Wunde zu tief ist und ohne Adaptation der Wundränder eine exzessive Narbenbildung oder ein Defekt zu erwarten ist.
  • Primärer Wundverschluss bei frischen Verletzungen (<6h). Bei sauberen, kleinen Wunden (< 5cm) besteht Evidenz, dass bis zu 18 Stunden nach der Verletzung ohne signifikant erhöhtes Infektionsrisiko ein primärer Wundverschluss möglich ist. Wunden im Gesicht können sogar bis zu 24 Stunden nach der Verletzung primär verschlossen werden.
  • Dienstarzt Kinderchirurgie hinzuziehen bei
    • stark verschmutzten oder sehr tiefen Wunden
    • Wunden mit Gewebeverlust
    • Wunden, welche operativ versorgt werden müssen
  • Immer Kontrolle Impfstatus:
    • letzte Tetanus-Impfung > 5 Jahre: ev Auffrischimpfung/aktive Immunisierung. Siehe "Vorgehen bei Wunden mit Tetanus Risiko"
    • von unserer Seite kommt eine Verweigerung eines primären Wundverschlusses in Frage, falls sich die Eltern auch nach Aufklärung über die Notwendigkeit einer Tetanus-Immunisierung ihres Kindes ggü verweigern (besprechen mit OA).

Wundreinigung

  • Jede Wunde initial reinigen
  • Ausspülen mit NaCl 0.9%, ggf. mit Spritze oder stumpfer Einweg-Kanüle (oder unter laufendem Wasser)
  • mechanisch mit Pinzette oder Tupfer (keine Wattestäbchen aufgrund Faserrückstände)
  • ev. Desinfektion (Falls Wunde mit desinfizierender Lösung gespült werden soll -> mit NaCl 0.9% verdünntes Betadine® (1:10) verwenden)
  • sh. hier "Wahl des richtigen Desinfektionsmittels"

Wundkleber

Vorteil

  • atraumatisch
  • schneller durchgeführt als Wundnaht
  • kosmetisch eher besseres Ergebnis

Indikation

  • saubere, gut adaptierbare Wunde, welche wenig blutet und nicht zu lang und/oder zu tief ist

Kontraindikationen

  • verschmutzte Wunde (Notwendigkeit für Débridement oder Spülen)
  • starker Zug (z.B. Wunde an Extremitäten wenn gelenknah), stark klaffende Wunde. Wunde quer zu den Spaltlinien der Haut (z.B. vertikal auf Stirn verlaufend).
  • Wunde ist nicht gut adaptierbar (z.B. prolabierendes Fettgewebe)
  • tiefe Wunde (muss exploriert werden; nur die Oberfläche wird mit dem Acrylkleber adaptiert!)
  • Tier- oder Menschenbiss (Infektgefahr)
  • aktiv blutende Wunde
  • ältere Wunde (>12h) ausser Gesicht

Vorgehen

  • nach Reinigung Wundränder gut adaptieren (mit nicht-sterilen Handschuhen)
  • Wundränder trockentupfen
  • Wundkleber (zB. LiquiBand®) über adaptierte Wundränder applizieren (1-2 Schichten)
  • cave: Kleber darf nicht in die Wunde gelangen
  • ggf. Steri Strip darüber, Schnellverband (z.B. Hypafix): Vermindert mechanische Manipulation während der Wundheilung
  • Behaarte Kopfhaut: Indirektes Adaptieren der Wunde durch Zug an den angrenzenden Haaren und Überkreuzen über die Wunde, dann Verkleben

Nachsorge

  • geklebte Wunde trocken und sauber halten für 5 Tage
  • Steri Strip nicht abziehen (lösende Ränder abschneiden oder neue Steri Strip oder Schnellverband darüber kleben)

Wundnaht

  • Indikation
    • Notwendigkeit einer Adaptation, Kleben nicht möglich
  • Kontraindikation
    • Bisswunden (offen lassen oder ad OP)
  • Vorgehen
    • Reinigung (siehe oben), Desinfektion (Octenisept® nicht in Wunde)
    • sterile Handschuhe, sterile Ablage für Instrumente, Lochtuch
    • Anästhesie (siehe Anhang)
    • Nahttechnik
      • in der Regel Einzelknopfnaht
      • ev. Rückstichnaht bei besonders grosser Spannung
      • ev. invertierte subcutane Adaptation mit resorbierbarem Faden (Vicryl®), bei tiefen, grossen und klaffenden Wunden
    • Wahl des richtigen Nahtmaterials
      • Gesicht mit Lippe:      6-0. Stark klaffende Wunden (Kinn) 5-0
      • Kopfhaut:                   4-0 bis 5-0
      • Extremitäten/Stamm: 4-0 bis 5-0
      • Über Gelenke:           4-0, sehr grosses Kind mit stark klaffender Wunde 3-0
      • Finger, Hand:             5-0 bis 6-0
      • in der Regel nicht-resorbierbarer Faden (Prolene®)
      • resorbierbarer Faden (Vicryl®) bei Schleimhautnaht, Nagelbett, schwierige Fadenentfernung, Wunden unter Gips
    • Wundkontrollen
      • Nach 3-4 Tagen sicher bei verschmutzen Wunden, bei älteren Wunden (> 6 Stunden, wenn trotzdem eine primäre Wundversorgung gemacht wurde). Bei unkomplizierten Wunden v.a. im Gesicht ist eine Wundkontrolle in der Regel nicht notwendig.
      • Bisswunden sollten bereits am nächsten Tag kontrolliert werden.
    • Fadenentfernung
      • Gesicht:                   5-6 Tage (stark klaffend am Kinn eher 6-7 Tage)
      • Kopfhaut:                 7-8 Tage
      • Über Gelenken oder unter Spannung, untere Extremität: 12-14 Tage
      • Übrige Regionen:    10 Tage

Ausnahmen

  • Wunden im Gesicht:
    • Augenbrauen nicht rasieren
    • Wenn Wunde Lippenrot-Haut-Übergang betrifft: OA (Supervision)
    • Wunden mit Knorpelbeteiligung (Nasenflügel, Philtrum, Ohr, Lider) präemptive antibiotische Therapie mit CoAmoxicillin 25mg/kg 2x-tlg für 3 Tage empfohlen
  • enoral
    • enoral Vicryl® (und nicht Vicryl rapide®) verwenden
    • oberflächliche Schleimhautverletzungen müssen nicht genäht werden
    • Zungenverletzungen nähen, wenn: klaffend und stark blutend, Zungenspitze sagital betroffen, transversal >1/3 der Zungenbreite (ggf. OP) sh. auch "Zurich tongue scheme"
  • Bisswunden
    • separates Merkblatt in Bearbeitung

Anhang

  • LET Gel (Lidocain-Epinephrin-Tetracain Gel)
    • Indikation: kleinere, oberflächliche Wunden
    • Einwirkzeit: min. 30min, max. 2h, Anästhesiewirkung nach Entfernen des LET Gels noch max. 60min
    • siehe Link zu separatem Merkblatt
  • Lokalanästhesie mit Lidocain 1% (max. 0.5mg/kg)
    • subcutan applizieren (2 Einstiche an Wundenden)
    • ev direkt von der Wunde aus Wundränder unterspritzen
  • Fingerblock (Oberst-Leitungs-Anästhesie)
  • Elternmerkblätter zum Nachdrucken: Acrylkleber / Hautnaht

Literatur

  • Up to date (Closure of minor skin wound with sutures, minor wound preparation and irrigation)
  • Guidelines Kindernotfallzentrum Bern
  • Repair Using a Tissue Adhesive in a Children's Emergency Department, Thomas B. Bruns, Harold K. Simon, David J. McLario, Kevin M. Sullivan, Robert J. Wood and K. J.S. Anand, Pediatrics October 1996, 98 (4) 673-675
  • A Prospective Comparison of Octyl Cyanoacrylate Tissue Adhesive (Dermabond) and Suture for the Closure of Excisional Wounds in Children and Adolescents, Laura Bernard, MD; Julie Doyle, MD; Sheila Fallon, MD, September 2001
  • Paediatrica online Vol. 19 2/2008/p27 Evaluation de l’efficacité d’un gel anesthésique topique (LET) pour la suture des plaies cutanées simples chez l’enfant.
  • Tongue lacerations in children: to suture or not? Swiss Med Wkly. 2018;148:w14683
  • Fernandez R, Griffiths R (2012) Water for wound cleansing. Cochrane Database Syst Rev 2:Cd003861
  • Grundlegende Techniken des Wundverschlusses in der Notaufnahme. Notfall Rettungsmed 2015;18:621–641
  • Closing the gap: lacerationrepair.com/

 

Suchbegriffe: RQW, Platzwunde, Schnittwunde, Nähen, Kleben