Beitrag zum Anorexie-Merkblatt (KJPD)
Somatische Abklärung

5/11/20 - Abschnitt zur Pathophysiologie des Refeeding-Syndroms ergänzt gem. Übersichtsartikel SMF https://medicalforum.ch/article/doi/smf.2017.02975

5/8/20 - Überarbeitetes Merkblatt

Inhaltsverzeichnis

Autor: Dr. med. M. Lurà.

Review: Dr. P. Tonella (Endokrinologie) und Dr. J. Spalinger (Päd. Gastroenterologie)
Version: 05/2020 (ersetzt Version Schubiger / Krähenbühl 2010)

Ziel

Erfassen vitaler Störungen (Komplikationen)

  • Hypotonie
  • Bradykardie
  • Elektrolytstörungen
  • Herz-Rhythmusstörungen

Ausschluss von nicht-psychiatrischen Grundkrankheiten (Differentialdiagnose)

  • Primäre Funktionsstörungen von Hypothalamus und/oder Hypophyse
  • Hirntumor, andere Malignome
  • Malabsorptions-Syndrome
  • Niereninsuffizienz
  • Endokrinopathien: Hyperthyreose, M. Addison, Hypopituitarismus
  • Chronische Vergiftungen
  • Chronische Infektionskrankheiten
  • Bei Bulimie: gastrointestinale Obstruktion, z.B. Achalasie

Untersuchungen bei allen Anorexie-PatientInnen

  • Labor: Blutbild (Hg2), BGA mit Elektrolyte (Na, K, Cl, Ca, Ph, Mg), fT3, fT4, TSH, Kreatinin, Harnstoff, Blutzucker, HbA1c, ASAT, ALAT, Albumin, Quick, Blutsenkung, CRP, Eisen, Ferritin, IgA, tTG-IgA
  • EKG
  • bei Bedarf bzw. entsprechenden Hinweisen ausführlicher Neurostatus
  • Bei einer klassischen Anorexia nervosa sind gewisse endokrinologische Abweichungen sekundär und funktioneller Art und müssen nicht speziell gesucht werden.

Weiterführende Untersuchungen bei entsprechenden klinischen Hinweisen

Andere, oben erwähnte Differentialdiagnosen können mit einer genauen Anamnese und der klinischen Untersuchung meist eliminiert werden. Bestehen Unsicherheiten, können je nach klinischem Befund folgende Untersuchungen veranlasst werden:

  • EEG oder cerebrale Bildgebung: MRI bei klarer Indikation in Absprache mit der Neuropädiatrie → Hypophysentumor
  • Ophthalmologisches Konsilium: Gesichtsfeld → Hypophysentumor
  • Mehrfachbestimmung des basalen Prolaktins (Werte bis 20 ng/l normal) → Prolaktinom?
  • ACTH sowie Cortisol (Morgens um 08:00h) → M. Addison / M. Cushing (atypischer Verlauf)?
  • Stuhluntersuchung auf Parasiten, Bakteriologie, Fettbestimmung, Endoskopie → Malabsorption, chron. Entzündung
  • spez. Amenorrhoeabklärungen: LH, FSH, Progesteron, ev. Testosteron u. Androstendion, ev. ß-HCG
  • Kardiologie/Herzecho → Syndromverdacht

Refeeding Syndrom

Definition

Ein Refeeding Syndrom ist ein lebensgefährlicher Zustand, der bei Wiederernährung nach einer langen Hungerperiode auftreten kann. Es ist durch Elektrolytverschiebungen mit Auftreten von Ödemen und Herzinsuffizienz gekennzeichnet.

Pathophysiologie

Die bereits in der Hungerperiode depletierten Elektrolyte werden durch anabole Stoffwechselvorgänge vermehrt verbraucht. Die Konsequenzen sind die absolute Konzentrationsabnahme von Kalium, Phosphat und Magnesium im Intra- und Extrazellularraum und ein akutes Thiamindefizit. Ein Ausgleich des Elektrolyt- und Vitaminmangels ist aufgrund der ausgeschöpften Reserven der Körperzellen nicht mehr möglich. Es kommt schliesslich zu einer Störung des Kohlenhydratmetabolismus und zu einer Verminderung der Energiegewinnung trotz Nährstoffzufuhr.

Siehe Artikel im Swiss Medical Forum (Gute Illustration)

Risiko-Population

  • BMI <16 kg/m2
  • Stark reduzierte oder keine Nahrungszufuhr innerhalb der letzten 10 Tage
  • Niedrige Serumkonzentration an Kalium, Phosphat und/oder Magnesium vor Beginn der Nahrungszufuhr

Laboranalytische Auffälligkeiten

  • Hypophosphatämie
  • Hypokaliämie
  • Hypomagnesiämie
  • Störungen des Säure-/Basenhaushaltes

Klinische Manifestation

  • Flüssigkeitsretention mit Ödemen
  • Tachykardie / Herzrhythmusstörungen
  • Tachypnoe
  • Krämpfe
  • Muskelschwäche
  • Rhabdomyolyse
  • Hämolyse

Laboruntersuchungen bei Refeeding Risiko

  • Tägliche BGA Kontrolle mit Elektrolyte (Na, K, Cl, Ca, Ph, Mg)