Transfusion von Erythrozytenkonzentraten (EK) bei Neugeborenen

Inhaltsverzeichnis

Autoren: Dr. med. Martin Stocker / Prof. Dr. med. T. Berger / S. Rieser
Version: 07/08

Grundlagen

Aufgrund des unreifen humoralen Immunsystems sind beim Neugeborenen (NG) transplazentar übertragene mütterliche IgG-Antikörper für eine allfällige Transfusionsreaktion verantwortlich. Aus diesem Grunde ist es notwendig, dass im ersten Lebensmonat die Verträglichkeit des Erythrozytenkonzentrates gegenüber dem mütterlichen Blut getestet werden. Die Blutgruppe des Neugeborenen kann in den ersten 3 Lebensmonaten nicht immer eindeutig bestimmt werden (fehlende oder schwache Exprimierung der A/B-Antigene). Aus diesem Grund werden Neugeborenen in den ersten 3 Lebensmonaten EK der Blutgruppe 0 Rhesus negativ und Plasma der Gruppe AB verabreicht.

Definitionen

Type: Antigen-Bestimmung auf den Erythrozyten zum Nachweis der AB0- und Rh-Blutgruppe

Screen:Antikörpersuchtest im Serum (= indirekter Coombstest) zum Nachweis von möglichen Allo-Antikörpern im Serum

DAT: Nachweis von direkt an Erythrozyten gebundenen Antikörpern(Direkter Antiglobulin-Test = direkter Coombstest)

Abklärung vor Transfusionen

Neugeborene in den ersten 4 Lebenswochen

Für eine Transfusion beim Neugeborenen in den ersten 4 Lebenswochen muss aufgrund möglicher transplazentar übertragener Antikörper immer eine Untersuchung des mütterlichen Blutes durchgeführt werden. Deshalb bei jeder Erstversorgung in einem auswärtigen Spital Mutterblut mitnehmen! Mutterblut mit dem Namen und Geburtsdatum der Mutter und nicht dem des Kindes beschriften! Erfragen der mütterlichen Blutgruppe und des Antikörperstatus als Hilfsinformation für das Labor.

  • Untersuchungen an der Neugeborenenblutprobe: Type / DAT
  • Untersuchungen an der Mutterblutprobe: Type / Screen (Ak-Suchtest)

Falls eine Transfusion ohne Untersuchung der Mutterblutprobe unumgänglich ist, wird an der Neugeborenenblutprobe ein Type / DAT / Screen durchgeführt. Die gleichzeitige Durchführung von DAT und Screen ist notwendig, da im Screen die Iso-Agglutinine Anti-A und Anti-B nicht erfasst werden.

Bei negativem Screen im Mutterblut bedarf es für weitere Transfusionen in den ersten 4 Lebenswochen keiner erneuten Untersuchung des Neugeborenenblutes.

Nach dem ersten Lebensmonat

Nach dem ersten Lebensmonat haben die möglicherweise plazentar übertragenen Antikörper der Mutter eine geringere Bedeutung, weshalb auf die Untersuchung der Mutterblutprobe und des DAT verzichtet werden kann. Hingegen besteht die Möglichkeit von neonatal produzierten Antikörpern, weshalb ab diesem Zeitpunkt ein Screen im Neugeborenenblut notwendig ist.

  • Untersuchung an der Patientenblutprobe: Type / Screen

Die Screen-Untersuchung hat eine Gültigkeit für 72 Stunden. Das heisst, dass nach Ablauf dieser 72 Stunden eine neue Screenuntersuchung durchgeführt werden muss.

Erythrozytenkonzentrate (EK)

EK gemäss Type / Screen

Bei fehlendem Hinweis von relevanten Antikörpern können EK gemäss Type und Screen verwendet werden. In den ersten 3 Lebensmonaten werden EK der Blutgruppe 0 Rhesus negativ gegeben, damit allfällige mütterliche Anti-A/B-Ak, welche nicht zwingend erfasst werden (DAT im Neugeborenenblut ev. negativ, da keine oder nur schwache Exprimierung der A/B-Antigene), keine Bedeutung haben. Zudem besteht damit die Möglichkeit, das Satellitenbeutel-System für mehrere Neugeborene zu verwenden.

Bei Nachweis von klinisch relevanten Antikörpern im Mutterblut dürfen EK, welche dem Kind bis zu einem Alter von 3 Monaten transfundiert werden, das entsprechende Antigen nicht aufweisen (Persistenz der transplazentar übertragenen mütterlichen Antikörpern). Vor der ersten Transfusion wird dann eine Verträglichkeitsprüfung gegen mütterliches Blut durchgeführt. Als zusätzliche Absicherung (zB bei Verwechslung von Mutterblutproben) wird ebenfalls eine Verträglichkeitsprüfung gegenüber dem kindlichen Blut durchgeführt. Bei allfällig weiteren Transfusionen während den ersten 3 Lebensmonaten wird immer eine Verträglichkeitsprüfung gegen kindliches Blut durchgeführt.

Satellitenbeutel-System

Da Extremfrühgeborene immer nur einen sehr kleinen Teil eines ganzen EK-Beutels benötigen, jedoch eventuell zu einem späteren Zeitpunkt erneut transfusionsbedürftig werden, besteht die Möglichkeit, Satellitenbeutel zu bestellen. Ein EK-Beutel wird dabei in 4 Portionen zu je ca. 70 ml unterteilt. Diese Satellitenbeutel können jederzeit bestellt werden. Die Lieferzeit beträgt ca. 2 Stunden, die Haltbarkeit 42 Tage. Einmal herausgegebene Beutel dürfen nicht mehr zurückgenommen und weiterverwendet werden. Satellitenbeutel von einem EK sind nicht patientenbezogen, sondern können für mehrere Kinder verwendet werden.

Spezial-EK

  • CMV-negative EK: Alle EK sind Leukozytendepletiert. Damit ist das Risiko einer CMV-Übertragung deutlich reduziert, jedoch nicht ausgeschlossen. Es besteht in der Literatur kein Konsens, ob Frühgeborene CMV-negative Blutprodukte erhalten sollen. Aktuell ist es nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich, CMV-negative EK zu erhalten.

  • Bestrahlte EK: Bei bestrahlten Blutprodukten besteht eine geringere Gefahr einer graft-versus-host-Reaktion. In der Neonatologie besteht nur im Rahmen einer Austauschtransfusion nach bereits vorgängiger intrauteriner Transfusion die Indikation zur Bestrahlung der EK. Dies wird auf Verlangen durch das hämatologische Zentrallabor durchgeführt, zusätzlicher Zeitbedarf 20-30 Minuten.

  • T-Ak-freie EK: Das T-Antigen (Thomsen-Friedenreich-Krypt-Ag) ist ein verborgenes Antigen auf der Oberfläche der Erythrozyten. Die meisten Erwachsenen besitzen eine T-Ak-Aktivität, welche va durch eine Kreuzreaktivität bedingt ist. Eine Reihe von Bakterien produzieren das Enzym Neuraminidase, welches das verborgene T-Ag aufdeckt. In solchen Fällen kann bei Verabreichung von Blutprodukten mit einem hohen T-Ak-Gehalt potentiell eine Hämolyse ausgelöst werden. Fallberichte über Hämolyse nach Transfusionen aufgrund T-Ak existieren va bei Neugeborenen mit nekrotisierender Enterocolitis und Clostridien-nachweis. Es besteht in der Literatur kein Konsens über die Verwendung von T-Ak-freien EK, insbesondere sind diese nur schwer erhältlich.

Vorgehen / Ablauf

Ärztin/Arzt

  • Verordnung der Transfusion (Menge, Infusionsgeschwindigkeit)

Pflegepersonal

  • Erste Blutentnahme zur prätransfusionellen Analytik mit Doppelkontrolle beim Beschriften der Blutprobe
  • Transport der Blutprobe ins Labor und persönliche Abgabe der Probe an die Laborantin
  • Zweite Blutentnahme zur Type-Untersuchung zur Bestätigung vor der ersten Transfusion
  • Doppelkontrolle des EK vor Verabreichung
  • Etikette mit Patientendaten, BG von Patient und EK, sowie EK-Nummer auf Überwachungsblatt

Guthrie-Test vor Ec-Transfusion und FFP-Gaben

Bei Ec-Transfusionen und FFP-Gaben in den ersten 4 Lebenstagen muss vor der ersten Gabe ein Guthrie-Test abgenommen werden, da ansonsten nicht alle Resultate der Guthrie-Untersuchung beurteilt werden können. Vor Tc-Gaben ist hingegen kein vorgängiger Guthrie-Test notwendig.


 

 

 

Quellen:

  1. Boulton F. Transfusion guidelines for neonates and older children. British J Haematol 2004;124:433-453
  2. BSD SRK. Empfehlungen: Erythrozytenserologische Untersuchungen an Patientenproben, 2002
  3. Rieser-Schöni S. Interne Transfusionsrichtlinie Kinderspital, SOP2070.5
  4. Strauss RG. Data Driven Blood Banking Practices For Neonatal RBC Transfusions, Transfusion 2000;40:1528-1540
  5. Tschopp M. Richtlinien: Immunhämatologie und Transfusion, Kantonsspital Luzern 2002